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 DV35K - Ein Hybridsystem als Alternative zu Video

von Matthias Fleischer (Vorlage zum Artikel im Film&TV Kameramann Logo 11/2001)


Kiki & Tiger still 1Nicht nur das schmale Budget war eine harte Herausforderung für die Producerin Rima Schmidt und ihren Co-Producer Florian Rothenberger, der Diplomfilm KIKI & TIGER des aus der Schweiz stammenden Regisseurs Alain Gsponer an der Filmakademie Baden-Württemberg sollte auch etwa 45 Minuten lang und ausschließlich nach einem Bildertreatment inszeniert werden, das viel Raum für Improvisation lassen sollte.
KIKI & TIGER allerdings forderte schon vom Sujet her eine realistische, streckenweise dokumentarische Visualisierung. Der Film erzählt von der engen Freundschaft eines Serben mit einem Albaner 1997, die sich allmählich in eine Abhängigkeit wandelt. Nachdem beide unabhängig voneinander in ihre Heimat zurückgeschickt wurden und der Kosovo-Krieg den Graben zwischen beiden Abstammungen noch tiefer zog ist nichts mehr so wie es vorher war.

Die Filmlänge und das durch Improvisation hohe zu erwartende Drehverhältnis machten früh klar, daß selbst mit umfangreichem Sponsoring eine Alternative zum Dreh auf Film gefunden werden muß.
HerkömmlichKiki & Tiger still 2es Digital-Video kam für mich als Kameramann nicht in Frage, da Alain und ich Film-Bildästhetik in jedem Falle anstrebten. Dafür sind für mich wesentliche Kriterien: 25 Bilder mit je 1/50sec Belichtungszeit pro Sekunde (im elektronischen Sinne echter Vollbildmodus, d.h. 625 Zeilen Auflösung - keine Halbbildverdopplung - mit 1/50s Verschlußzeit), differenzierte Farbwiedergabe, Objektivauswahl (u.a. wegen der guten optisch-geometrischen Korrektur) und neben Handkamera-Tauglichkeit und Lichtstärke vor allem geringe Schärfentiefe. Spätestens am letzten Kriterium scheitert auch die HD 24p, da die Schärfentiefe u.a. mit Vergrößerung der Bildfenster- bzw. Chipdiagonalen abnimmt und damit die 2/3"-Chip-Kamera 24p eine deutlich größere Schärfentiefe hat als eine 35mm-Kamera.

Seit einiger Zeit gibt es bereits Lösungsvorschläge für das Schärfentiefe-Problem, die mit Vorsatzkonstruktionen 35mm-Filmoptiken für die Canon XL1 nutzbar machen und eine 35mm-Einstellscheibe als "bildgebenden" Ersatz für den zu kleinen Chip in den Strahlengang integrieren. Die von den Verleihern meist noch ausschließlich verfügbare ältere XL1-Version ist im Vergleich zu aktuellen Kameras lichtschwächer und nimmt durch eine ebenfalls nicht lichtstarke Zwischenoptik das auf der Einstellscheibe im Vorsatz enstandene Bild auf. Zusätzlich überzeugt der "Movie Mode" (Vollbildmodus) nicht, auch ist der Vorsatz kaum ergonomisch als Handkamera einzusetzen, da der Sucher sehr weit hinten sitzt, und die Konstruktion durch die leichte DV-Kamera, den schweren Vorsatz und die 35mm-Optik sehr vorderlastig ist. Die zu leihenden 35mm-Optiken sind zudem relativ teuer.

DV35K KamerasystemIch habe mich an meine früheren Versuche erinnert, die damals neue IVS mit Blick durch eine laufende ARRI 435 als Kamera zu benutzen, eine Videoausspiegelung für Super8-Kameras zu bauen und durch Kleinbildkameras mit der DV-Kamera hindurchzudrehen. Daraufhin suchte ich gezielt nach einer Lösung, eine Videokamera, die die oben genannten Kriterien erfüllt und klein genug ist, durch eine Nikon F3 zu schauen, mit eben diesem Fotoapparat zu kombinieren. Nach einem Tipp meiner Kommilitonen Philipp Hansen und Charles Bals, einen Spezialsucher für die Nikon F3 zu verwenden, war zumindest das Vignettierungsproblem im Sucher für DV-Kameras brauchbar gelöst, mit der Fixierung beider Kameras hintereinander auf eine Steadicam-Grundplatte und den Bau einer Klammer, die die beiden Geräte oben zusammenhält, war die Konstruktion ("DV35K" - K für Kleinbild) klein und handlich. Ich habe an der F3 den Motor angebaut, um von dem ergonomisch gut plazierten großen Handgriff zu profitieren. Bei der Videokamera entschied ich mich für eine MX300 von Panasonic, da sie über eine sehr angenehme Farbwiedergabe, einen richtigen Vollbildmodus (frame rec mode) und einen ausklappbaren Monitor, der in rauhen oder engen Situationen sehr nützlich ist, verfügt.
Kiki & Tiger still 3
Mit der guten Lichtstärke der MX300 war sogar das Drehen in der Stuttgarter Fußgängerzone nachts möglich, lediglich ein china ball an einer Tonangel gab ein wenig fill light. Dank der freundlichen Unterstützung von NIKON konnten wir hochwertige und lichtstarke Objektive verwenden. Der Nikongriff machte häufigen Handkameraeinsatz völlig problemlos. Überhaupt hat sich die DV35K in den dreieinhalb Wochen Drehzeit gut bewährt.

Selbstverständlich ersetzt die DV35K keinen 16mm- oder 35mm-Film, die PAL-Auflösung und die komprimierte Farbwiedergabe sehen komplett anders aus, die marginal spürbare Faserstruktur der Nikon-Mattscheibe tut mit ganz leichtem Weichzeichnereffekt ihr übriges. So entstand ein ganz eigener, atmosphärischer Look, der einem abgetasteten und analog kopierten 35mm-Film auf DV ähnelt und unsere visuelle Vorstellung des Sujets trifft.

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